In Zeiten gesellschaftlichen Wandels, wirtschaftlicher Krisen und globaler Vernetzung wird die Verantwortung in den Führungsetagen größer, Entscheidungen werden komplexer, persönliches Handeln steht auf dem Prüfstand sozialer Kompatibilität. Die Wirtschaftskonzerne stehen vor der Aufgabe, ihre Unternehmenspolitik nicht mehr allein an den Gesetzen des Marktes auszurichten, sondern den gesellschaftlichen Kontext im Auge zu behalten. Darauf sind viele Entscheider noch nicht eingestellt: Sie sind zu wenig vernetzt oder zu abgeschottet in der eigenen Business-Unit.
Die Initiative „Common Purpose“ hält dagegen. In ihren Seminar-Programmen lernen Führungskräfte gesellschaftliche Pluralität „am lebenden Beispiel“ kennen. Sie diskutieren mit Entscheidern aus unterschiedlichen Milieus, Kulturen und Fachgebieten, schlüpfen selbst in die Rolle von Bedürftigen und dürfen sich in kreativen Arbeits- und Präsentationstechniken ohne frontale Beamer-Show erproben. Der gemeinnützige Verein, der seinen Ursprung in den Achtzigerjahren in Großbritannien hat, bietet seine Programme zur Zeit an sieben deutschen Standorten an (Essen, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Leipzig, Stuttgart, Thüringen – Berlin und Düsseldorf sind aktuell im Aufbau).
„Wir haben in Deutschland zu viele Facharbeiter und zu wenige Generalisten, die freigestellt sind, um kreativ und offen zu arbeiten“, sagt Renate Krol, Programmleiterin von Common Purpose in Frankfurt am Main. „Unsere sich gerade wandelnde Gesellschaft erfordert aber genau diesen Geist.“ Common Purpose finanziert sich durch Teilnahmegebühren und Spenden; die zehn Seminartage finden über ein Jahr verteilt einmal im Monat statt. Die Teilnehmenden werden von ihren Arbeitgebern entsandt, sie stammen zu je einem Drittel aus der Wirtschaft, dem öffentlichen Dienst und dem sozialen Bereich.
Innerhalb kurzer Zeit vernetzt
Stephan Martin, Leiter Bereichs- und Beteiligungscontrolling, nahm 2007 für die Fraport AG in Frankfurt an dem Programm teil. „Unsere Gruppe war innerhalb kürzester Zeit vernetzt. Das lag einerseits daran, dass es unter den Teilnehmern keine Konkurrenz gab und man sich wirklich als Person für Neues öffnen konnte. Anderseits an der Methodik, den vielen Gruppenarbeiten und der provozierenden Auseinandersetzung mit konkreten gesellschaftlichen Themen, die niemanden kalt lässt“, schildert der Betriebswirt im Rückblick auf diese Zeit. Vor-Ort-Besuche auf sowohl den Chefetagen wie den „Hinterbühnen“ der Stadt, Arbeit an konkreten Fallstudien, kollegiale Beratung von Entscheidern aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten – was sich zunächst nach einer Achterbahnfahrt durch die Gesellschaft anhört, beschert nach Ansicht des 41-Jährigen einen Reichtum an Perspektivwechseln und unschätzbaren Einsichten, verbunden mit einem Motivationsschub und dem unbedingten Willen sich einzubringen.
Ein Programmtag ist sowohl intellektuell als auch emotional herausfordernd: Das kann der Besuch der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ sein, durch die die Besucher von Blinden geführt werden. Oder ein Besuchstag in einer Justizvollzugsanstalt oder in einem Obdachlosenheim. „Für mich war es im Dialog-Museum ungewohnt, in die Rolle des Hilfe-Bedürftigen zu wechseln, Hindernisse nicht durch Intellekt, sondern durch Ertasten und das starke Vertrauen auf andere zu überwinden“, berichtet Stephan Martin.
Eine neue Erfahrung war auch der Besuch in einer Frankfurter Moschee zur Zeit des Abendgebets und der Redaktion einer regionalen Tageszeitung. Im Gespräch mit den Zeitungsleuten wurde den Common Purpose-Absolventen nicht nur klar, wie Schlagzeilen gemacht werden, sondern vielmehr, wie Journalistinnen und Journalisten ihre gesellschaftliche Verantwortung im Alltag auch vor dem Hintergrund von Auflagenzahlen und Wirtschaftlichkeit der Zeitungshäuser reflektieren.
Inhaltlich und methodisch überzeugend
Sowohl inhaltlich als auch methodisch war das Seminar für Stephan Martin überzeugend: „Als wir zusammen mit Alexander Brill (Regisseur am „schauspielfrankfurt“, Anm. d. Red.) ein Theaterstück erarbeiten sollten, haben wir erstmal den Text verteilt und die Rollen geprobt. Im Nachhinein stellte sich raus, dass wir eigentlich assoziativ an das Stück gehen sollten – wir hätten vielleicht erstmal überlegen sollen, was wir mit dem Text verbinden.“
Sich auf andere Herangehensweisen einlassen, vielfältige Gruppen zusammen bringen, Vorurteile abbauen und Führungskräfte über Fach- und Ressortgrenzen hinweg zum gemeinsamen Handeln ermutigen – das sind die Ziele von Common Purpose. Dazu gehört auch die Stärkung der interkulturellen Kompetenz. In Frankfurt gibt es regelmäßig auch einen Besuch der Indischen Business-Community, die mit mehr als 6000 Inderinnen und Indern die größte asiatische Gruppe in der Rhein-Main-Region bildet.
Der 2007er-Jahrgang ist bis heute in Kontakt geblieben: „Wir treffen uns alle paar Monate wieder. Zwischendurch wenden sich einige auch mit inhaltlichen Fragen aus ihrem Berufsumfeld an den Common Purpose-Verteiler“, sagt Martin. Common Purpose zollt seiner Meinung nach der Tatsache Tribut, dass es heute eine viel stärkere Abhängigkeit zwischen Unternehmen, sozialen Trägern und öffentlicher Hand gibt. „Die mögliche Verstaatlichung von Hypo Real Estate zeigt, dass es nicht darum geht, dass sich Unternehmen soziale Verantwortung leisten können, sondern dass sie selbst Teil des sozialen Gefüges sind.“











